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Statement zu Startchancenprogramm

PR-Termin von Söder und Stolz statt zügiger Umsetzung des sinnvollen Bundesprogramms

15. Juli 2024

Statement der Landtags-Grünen mit Blick auf den PR-Termin von Ministerpräsident Söder und Kultusministerin Stolz zum Startchancenprogramm, das die Bundesregierung auf den Weg gebracht hat.

Gabriele Triebel, Sprecherin für Bildung, erklärt:

„Wer bei Bayerns Schulen nachfragt, dem zeigt sich leider eine ganz andere Realität: Erst vor wenigen Tagen hat mir eine Schulleiterin persönlich berichtet, dass sie noch immer auf Infos zur Umsetzung wartet. Ihre Schule soll zwar am Startchancenprogramm teilnehmen – aber sie weiß bis heute nicht, wieviel Geld für was wie abrufbar sein wird! Das ist verantwortungslos, denn das Programm soll schon im Herbst beginnen! Und jetzt stehen die Sommerferien vor der Tür… Die Söder-Regierung hat es nicht rechtzeitig hinbekommen und lässt jetzt die Schulen im Regen stehen.“

„Es ist schon eigenartig, dass die Söder-Regierung immer dann, wenn es sich um ein Bundesprogramm handelt, wenig bis keinen Ehrgeiz zeigt. Ob beim Ausbau des Ganztages – oder wie jetzt beim Startchancenprogramm: der Freistaat müsste doch jetzt alles in Bewegung setzen, damit unsere Kinder und Jugendlichen von solchen Förderungen bestmöglich profitieren! Gerade wenn es um Chancengerechtigkeit und die Zukunftschancen unserer Kinder geht, sollte sich Markus Söder deutlich mehr anstrengen!“

„Der Bund legt vor. Bayern muss das Startchancen-Programm nur noch umsetzen. Leider hat sich Markus Söder bisher nicht wirklich für Schulen in besonders herausfordernden Lagen interessiert. Außer, es handelt sich um einen guten Fototermin. Das muss sich ändern! Denn gerade die Kinder, die zu Hause nur wenig Unterstützung erfahren und gleichzeitig eine Schule besuchen, an denen sie sich nicht genug gegenseitig helfen und motivieren können, brauchen Hilfe – hier nämlich müssen die Schulen dann deutlich mehr Arbeit leisten als woanders im Land.“

Infos zum Startchancen-Programm des Bundes:

Die Bundesregierung will mit ihrem Startchancen-Programm ab dem Schuljahr 2024/25 (Herbst 2024) für mehr Chancengleichheit an Deutschlands Schulen sorgen. Hierfür sollen Schulen in sozial schwieriger Lage mit zusätzlichen Mitteln unterstützt werden. Die Verteilung des Geldes wird durch die jeweiligen Landesregierungen geregelt. Das Programm sieht eine bundesweite Förderung mit jeweils einer Milliarde Euro pro Jahr über eine Laufzeit von zehn Jahren vor. Damit sollen bundesweit 4000 Schulen „mit einem hohen Anteil sozial benachteiligter Schülerinnen und Schüler“ speziell gefördert werden. Bayern erhält nach dem Königsteiner Schlüssel für 10 Jahre jährlich 143 Mio. € vom Bund, um damit 580 bayerische Schulen mit dem SCP zu fördern.

Das Startchancenprogramm ist zusammen mit der Kindergrundsicherung das zentrale bildungspolitische Projekt der Ampel-Koalition. Denn: Finanzielle Förderung der Familien und gezielte Förderung der sozialen Infrastruktur müssen Hand in Hand gehen – denn Armut führt häufig zu schlechteren Bildungsabschlüssen. Nur wenn beide Projekte zusammen gedacht werden, kann der Bildungserfolg unserer Kinder von der sozialen Herkunft entkoppelt werden. Das Startchancen-Programm des Bundes soll hier mit beispielsweise Geld für Baumaßnahmen, Sozialarbeit und mit dem sogenannten Chancenbudget, das die Schulen selbst in Qualitätsverbesserungen investieren können, ansetzen.

Aktuelle Zahlen zum Thema:

Möglichst gleiche Chancen auf Bildungserfolg sollte jedes Kind in Bayern haben. Doch der Freistaat bildet in diesem Bereich das Schlusslicht aller Bundesländer! 

Bildungschancen von Kindern hängen nach wie vor stark vom Elternhaus ab. Das hat auch der aktuelle ifo-Chancenmonitor einmal mehr ergeben. Demnach liegt die Wahrscheinlichkeit, ein Gymnasium zu besuchen, bei einem Kind mit einem alleinerziehenden Elternteil ohne Abitur aus dem untersten Einkommensviertel und mit Migrationshintergrund bei 21,5 Prozent. Im Gegensatz dazu liegt die Wahrscheinlichkeit bei 80,3 Prozent, wenn das Kind mit zwei Elternteilen mit Abitur aus dem obersten Einkommensviertel und ohne Migrationshintergrund aufwächst. 

 

Dazu: Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) (Stand Mai 2023) 

Die Lesekompetenz von Grundschülern in Deutschland ist in den letzten 20 Jahren bedenklich gesunken. Auch hier entscheidet der soziale Hintergrund darüber, wie gut oder schlecht Kinder lesen können. Die am 16.5.23 veröffentlichte Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) zeigt, dass die durchschnittliche Lesekompetenz zwischen 2016 und 2021 besonders stark nachgelassen hat. In diesen Zeitraum fallen auch die durch die Pandemie bedingten Schulschließungen. Die mittlere Punktzahl sank um 13 Punkte auf 524. Deutschland liegt damit unter EU- und OECD-Durchschnitt (527 Punkte).

Besorgniserregend ist der hohe Anteil schwacher Leserinnen und Leser in Deutschland. Ein Viertel der Viertklässler erreicht nicht den internationalen Standard für eine erfolgreiche Lesekompetenz. Das heißt: Sie können basale Informationen erfassen, aber nicht so flüssig lesen, um sich Wissen selbstständig und lesend anzueignen. Ein Teil dieser Schüler kann, wie es in der Studie heißt, nur rudimentär lesen. Die Risikogruppe der schwachen Leser ist seit 2001 auf 25,4 Prozent gestiegen – was deutlich höher ist als 2016 (18,9 Prozent) oder 2001 (17,0 Prozent). 

Es zeigen sich weiterhin substanzielle Unterschiede sowohl bei der Leistung als auch bei der Gymnasialempfehlung in Abhängigkeit vom familiären Hintergrund der Grundschulkinder. Um letztgenannte zu erhalten, müssen Kinder aus Arbeiterfamilien nach wie vor wesentlich mehr leisten als Kinder aus Akademikerfamilien. Auch bei gleicher Lesekompetenz und gleichen kognitiven Grundfähigkeiten hat ein Kind aus einer (Fach)Arbeiterfamilie eine 2,5 Mal geringere Chance auf eine Gymnasialpräferenz seiner Lehrkraft als ein Kind mit Eltern in der Oberen Dienstklasse (z.B. führende Angestellte und höhere Beamte). Soziale Disparitäten, das macht IGLU 2021 deutlich, sind in Deutschland weiterhin stark ausgeprägt.